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Zusammentreffen der Kinder und Familien im Juni 2016

Ein Bericht mit Bildern vom Treffen der Familien, einer Info-Veranstaltung mit bewegenden Erzählungen aus dem Leben von zwei jungen Frauen, und einer Geburtstagsparty in der Innenstadt von Kabul.

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Nach dem Ende des Ramadan (Fastenmonat) trafen am Freitag, den 24.06.2016 die Kinder und ihre Familien im KUFA-Haus zusammen und wurden wie immer von ihrem seelischen Vater, Herrn Baqi Samander, und ihren Lehrern freundlich und lieb empfangen. Wegen des Fastenmonats haben die Tischlerei- und Teppichweberei-Kurse frei gehabt.

 

 

 

 

 

 

 

Während des freien Monats haben unsere Straßenkinder gemeinsam für andere ärmere Straßenkinder, Jugendliche und Witwen, die sich auf den Straßen Kabuls aufhielten, mehrmals warme Mahlzeiten und Getränke zubereitet und verteilt.

 

Am Ende des Fastenmonats während der Festtage haben sie mit ihnen zusammen auf der Straße gefeiert. Besonders in Share Nau (Innenstadt) sieht man immer wieder viele junge Straßenkinder, die sich vor den zahlreichen luxuriösen Geschäften, Hotels und Restaurants versammeln, um dort möglichst schnell viel Geld zu verdienen.

 

Unsere Kinder haben einen ihrer Freunde von der Straße im Park von Share Nau mit einer spontanen Geburtstagsfeier überrascht. Dieser Junge hat sich natürlich über die Maßen darüber gefreut und alle Kinder hatten zusammen unglaublich viel Spaß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Abend des selben Tages hatten wir eine Infoveranstaltung speziell für die Mädchen und deren Mütter im Zentrum angesetzt.

 

Das Leben der Frauen wird in jeder Beziehung von Männern dominiert. Uns ist es daher ein wichtiges Anliegen, unsere Mädchen und deren Mütter zu stärken und ihnen besonders bewusst zu machen, dass sie nicht weniger Wert sind als Männer und sämtliche Entscheidungen, die ihr persönliches Glück betreffen, selbst treffen müssen. Sie sollen wissen, dass niemand ihnen ihr Recht, zur Schule, zur Arbeit oder zum Studium gehen zu dürfen, verbieten kann und darf.

 

Nur sie persönlich sollen entscheiden, ob sie jemals heiraten wollen. Darüber hinaus sollen nur sie entscheiden, wen sie lieben und ob sie diesen Menschen heiraten möchten. Sie sollen auf ihr Herz und nicht auf den Mullah aus der Moschee hören, und müssen sich gegebenenfalls auch gegen ihre Eltern durchsetzen.

 

Damit bei dem Info-Abend nicht wieder ein Mann die Mädchen und Frauen belehrt, haben wir zwei unserer engen weiblichen Bekannten darum gebeten, sich via Skype mit den Mädchen zu unterhalten. Beide Frauen haben viel durchgemacht und konnten den Mädchen und deren Müttern einen interessanten, erschütternden Einblick in ihr bisheriges Leben geben.

 

Sulfia war die erste junge Frau, die mit den Mädchen sprach.

 

Sie erzählte, wie eines Tages mehrere Männer in ihrem Elternhaus erschienen und einer von ihnen bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten hat. (Dazu muss man wissen, dass in Afghanistan traditioneller Weise der anwärtige Ehemann beim Vater des Mädchen die mündliche Einverständniserklärung für die Hochzeit einholen muss. Oft wird dies auch von desses Eltern getan oder erfolgt im Anschluss an dessen Anfrage/n.).

 

Nun willigte der Vater von Sulfia ohne deren Zustimmung ein, da er der Meinung war, sie hätte lange genug zu Hause ihre Zeit verplempert und es wäre nun ein geeigneter Zeitpunkt in ihrem Leben, diese Chance zu ergreifen und auf ihren eigenen Beinen zu stehen, da sie ja auch nicht ewig bei ihren Eltern bleiben und von diesen abhängig sein soll.

 

Sulfias Vater brachte deutlich zum Ausdruck, dass es ihm gleichgültig sei, dass seine Tochter den Mann nicht heiraten möchte. Er entgegnete ihr: „Du bist mein Kind, ich kann entscheiden, wen und wann du heiratest!“

 

Obwohl Sulfia bis zum letzten Moment nicht einverstanden mit der Heirat war, kamen eines Tages plötzlich zahlreiche bewaffnete Männer in ihr Elternhaus und zerrten Sulfia gewaltsam aus dem Haus.

 

Sulfia wurde zehn Tage festgehalten, und währenddessen schikaniert und geschlagen. Als ihre Entführer einen Moment nicht aufmerksam waren, nutzte sie mutig die Chance und floh.

 

Jetzt konnte sie nicht zurück in ihr Elternhaus, weil sie für ihre Familie und deren Ruf nun groteskerweise eine Schande darstellte, da sie sich mit ihrer Flucht vor dem „Bräutigam“ dem Willen ihres Vaters widersetzt hatte.

 

Diese Geschichte berührte die Mädchen und deren Mütter sehr.

 

Sulfia geht es mittlerweile sehr gut und sie befindet sich in Sicherheit. Sie hat den Mädchen sehr ans Herz gelegt, dass sie niemanden bei Angelegenheiten des eigenen Schicksals für sich entscheiden lassen sollen, weil ihr eigenes Glück und ihre Gesundheit damit einhergehen. Nur man selbst wisse am Ende des Tages, was das Beste für sich sei, weshalb es nie förderlich sei, wenn man jemanden über den eigenen Kopf hinweg entscheiden lässt. In manchen Fällen eben nicht einmal die eigenen Eltern.

 

Die zweite junge Frau, die sich mit den Kindern unterhielt, heißt Khatra.

 

Khatra hat eine unvorstellbar schwere Zeit durchgemacht und in der Vergangenheit sehr gelitten. Sie wurde jahrelang immer wieder von ihrem leiblichen Vater vergewaltigt. Insgesamt sind fünf der Kinder, die aus den Vergewaltigungen durch ihren Vater entstanden sind, verstorben. Drei von ihnen hat Khatra abgetrieben, eines hat sie nach der Geburt auf der Straße ausgesetzt und eines hat sie direkt nach der Geburt lebendig begraben, um alle Beweise für die Untaten des Vaters zu vernichten.

 

Immer wieder hat sie ihren Vater angefleht, seine widerlichen und grauenvollen Gewaltakte zu unterlassen, doch dieser erwiderte, dass jeder Vater dies mit seiner Tochter tun würde. Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge, von denen sie nicht weiß, ob sie sie als ihre Kinder oder ihre Geschwister empfindet, sind Khatra aus diesem Albtraum durch ihren Vater verblieben.

 

Größte Unmenschlichkeit begegnete Khatra schließlich, als sie zum Imam in die Moschee ging, um bei ihm Hilfe zu suchen. Nachdem sie ihm alles erzählte hatte, entgegnete ihr der Imam, dass sie eine dreckige Lügnerin sei, die ihrem Leben ein Ende bereiten soll, weil sie Schande über ihren Vater und die gesamte Familie bringen würde, wenn sie in der Öffentlichkeit solche Lügen verbreitet. Außerdem sei ihr Vater kein elendiger Sünder, sondern ein zu hundert Prozent gläubiger Moslem, der täglich fünf mal die Moschee aufsucht, wo er stets in der ersten Reihe betet.

 

Sie und ihre Mutter besuchten weitere Imame, die sie alle als Lügnerinnen abstempelten. Einer der Imame sagte zu Khatra: „Ich wünsche mir, dass die Taliban wiederkehren und an die Macht kommen, damit sie deinen Vater steinigen!“

 

Khatra hat mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte den Mädchen und Frauen ans Herz legen können, dass sie keinen Mullahs und Imamen trauen und sich nicht täuschen lassen sollen, denn niemand darf über ihr persönliches Leben entscheiden oder dies beherrschen.

 

Diese ergreifende Erzählung hat alle im Raum sehr mitgenommen und den Zuhörerinnen bewusst gemacht, dass sie selbstbewusst und emanzipiert für ihre eigenen Interessen einstehen sollten.

 

Auf die besorgte Frage, wie es ihr jetzt gehe, antwortete Khatra den Mädchen und Frauen, dass es ihr nun wieder sehr gut gehe und eines ihrer Kinder jetzt schon die Schule besuche. Außerdem sprach sie ihren ausdrücklichen Dank an Herrn Samandar aus, der sehr viel für sie getan hat. Er hat sich in der Vergangenheit stark für sie eingesetzt und letztendlich dafür gesorgt, dass sie einen Gerichtsprozess erhielt und ihr Vater inhaftiert wurde.

 

Die Schicksale dieser beiden eindrucksvollen und starken Frauen haben die Mädchen und deren Mütter sehr beeindruckt und ihren Willen gestärkt, für ihre Rechte auf ihrem weiteren Lebensweg zu kämpfen. Und vielleicht bewirkt dieser Bericht auch ein Umdenken bei dem ein oder anderen Deutschen, der Europa gegen Menschen abschotten will, denen unter Umständen nur noch die Möglichkeit zur Flucht bleibt.

 

Bald stehen die Klausuren an, und alle Kinder und Jugendlichen müssen wieder fleißig lernen. Aufgrund des Ramadan gab es diesmal kein gemeinsames Essen und die Kinder erhielten direkt ihr Geld und gingen nach Hause, um sich eifrig auf ihre Prüfungen vorzubereiten.